Halloween

Zwischen alten Geistern, neuen Märkten und der Frage: Müssen wir wirklich jeden Trend mitmachen?

Es ist Ende Oktober. Supermärkte sehen aus wie Horrorfilm-Kulissen, Nachbarn basteln Grabsteine aus Styropor, und irgendwo ruft ein Kind „Süßes oder Saures!“ – in einem perfekt gebügelten Vampirkostüm, das vermutlich mehr gekostet hat als dein letztes Stromabschlag.
Halloween ist da.
Aber woher kommt das eigentlich? Und warum feiern wir hier in Deutschland plötzlich ein Fest, das bis vor 30 Jahren kaum jemand kannte – geschweige denn mit Nebelmaschine und blinkenden Kürbissen?

Ein Blick in die Geschichte – und ein paar Seitenhiebe auf den Kommerz, der sie verschlungen hat.

Wenn die Nacht zwischen den Welten lag – Der Ursprung



Lange bevor Streamingplattformen uns beibrachten, was „Gruselstimmung“ ist, gab es Menschen, die sie tatsächlich lebten.
Die Kelten – ein Volk, das vor rund 2.000 Jahren in Irland, Schottland und Teilen Frankreichs siedelte – feierten Ende Oktober ihr wichtigstes Jahresfest: Samhain (ausgesprochen etwa „Sow-in“).

Samhain markierte das Ende der Erntezeit und den Beginn der dunklen Jahreszeit. In dieser Nacht, so glaubte man, sei die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten besonders dünn. Geister konnten umherwandern, Seelen der Verstorbenen zurückkehren – und, ganz ehrlich, wer wollte da schon ohne Schutz unterwegs sein?

Also entzündeten die Menschen Feuer, trugen Masken und verkleideten sich, um böse Geister zu täuschen oder fernzuhalten. Ein Akt zwischen Angst, Respekt und Überlieferung.
Man glaubte: Wenn du dich unkenntlich machst, erkennt dich auch kein Dämon.

Mit der Christianisierung Europas kam der Versuch, solche „heidnischen Bräuche“ zu integrieren. Der 1. November wurde Allerheiligen – All Hallows’ Day –, der Abend davor All Hallows’ Eve. Aus der alten Samhain-Nacht wurde also Halloween.
Ein sprachliches und kulturelles Patchwork, wie so vieles in der Geschichte.

Von Rüben zu Kürbissen – und von Ritual zu Show



Die Kelten verwendeten Rüben, um Laternen zu schnitzen – mit Fratzen, die Geister abschrecken sollten. Als viele Iren im 19. Jahrhundert nach Amerika auswanderten, fanden sie dort größere, weichere Kürbisse. Voilà – der Jack-o’-Lantern war geboren.

Dazu kamen neue Bräuche: Kinder zogen von Haus zu Haus, baten um Essen oder Süßigkeiten – ursprünglich als symbolische Opfergaben für Seelen. Aus „Treat for the spirits“ wurde „Trick or Treat“.

Dann passierte, was in Amerika immer passiert, wenn etwas Spaß macht: Man machte ein Geschäftsmodell draus.
Kostümindustrie, Süßwarenfirmen, Dekohersteller – sie alle erkannten das Potenzial.
Heute generiert Halloween in den USA jährlich über 12 Milliarden Dollar Umsatz.

Deutschland entdeckt das Gruseln – oder den Markt ?



In Deutschland tauchte Halloween erst in den 1990er Jahren flächendeckend auf – zeitgleich mit US-Filmen wie Hocus Pocus oder The Nightmare Before Christmas.
Und siehe da: Ein Fest, das irgendwo zwischen Herbstmelancholie und Lichterkette schwebte, wurde plötzlich zum Saison-Highlight im Einzelhandel.

Die Süßwarenindustrie jubelte. Baumärkte entdeckten den Bedarf an Nebelmaschinen. Modeketten witterten Umsatz mit Hexen-Hüten und Zombie-Kostümen.
Halloween war auf einmal da – und blieb.

Doch während Kinder begeistert in selbstgenähten Umhängen klingelten, begannen Erwachsene zu diskutieren:

„Müssen wir wirklich jeden amerikanischen Trend übernehmen?“
„Was passiert mit unseren eigenen Bräuchen?“
„Und wieso kostet ein Plastikkürbis 19,99 €?“

Der Streit um das Fest – Spaß oder Schein?

Halloween spaltet.
Die einen sehen darin harmlosen Spaß – eine kreative Auszeit, eine Gelegenheit, in Rollen zu schlüpfen und mal nicht der zu sein, der man sonst ist.
Die anderen sehen kulturellen Einheitsbrei – ein weiteres Beispiel, wie Kommerz alte Bräuche ersetzt.

Dabei wäre Halloween eigentlich eine schöne Gelegenheit zur Reflexion:
Es geht um den Übergang, um die Dunkelheit, ums Loslassen.
Aber klar, das verkauft sich schlecht auf Verkaufsplattformen.

Halloween ist nicht allein – Feste weltweit

Wer glaubt, Halloween sei einzigartig, der irrt gewaltig.
Die Idee, sich mit den Toten, Geistern und der dunklen Jahreszeit auseinanderzusetzen, ist uralt – und universell.

Hier ein kleiner Welt-Rundflug:


🇮🇪 Irland – Das Original

Hier wird Halloween noch traditionell gefeiert – mit Lagerfeuern, Apfelspielen und Barmbrack, einem Rosinenbrot mit versteckten Symbolen.
Kulturell tief verwurzelt, charmant chaotisch – und erstaunlich unkommerziell.

🇲🇽 Mexiko – Día de los Muertos

Der „Tag der Toten“ (1.–2. November) ist ein farbenfrohes Volksfest. Familien stellen Altäre (Ofrendas) auf, schmücken sie mit Blumen, Fotos und Speisen.
Es geht nicht ums Erschrecken, sondern ums Erinnern.
Hier tanzen Skelette, aber sie lachen dabei.

🇯🇵 Japan – Kawaii statt Grusel

Halloween in Japan? Eine Mischung aus Cosplay-Parade, Straßenparty und Fashion-Show.
Grusel? Fehlanzeige. Dafür tausende perfekt gestylte Kostüme in Shibuya.
Wenn Tim Burton und Harajuku ein Kind hätten – das wäre es.

🇵🇱 Polen – Licht und Stille

Am 1. November pilgern Familien zu Friedhöfen, zünden Kerzen an, schmücken Gräber.
Ein Meer aus Lichtern, still und würdevoll.
Keine Plastikspinnen, kein Zuckerrausch – einfach Gedenken.

🇷🇴 Rumänien – Marketing mit Biss

In Transsilvanien, rund um Schloss Bran, wird Halloween clever touristisch genutzt.
Dracula lebt – zumindest in der Tourismusbilanz.

🇫🇷 Frankreich – Stilvoll skeptisch

Frankreich flirtete kurz mit Halloween, hat sich aber weitgehend entliebt.
Man feiert, wenn’s passt – aber bitte mit Klasse. Selbst die Geister tragen hier Chanel.

Zwischen Spaß und Sinn – Wo bleibt der Gedanke?

Vielleicht liegt das Problem nicht bei Halloween selbst, sondern bei uns.
Wir neigen dazu, alles zu kommerzialisieren, was sich dekorieren lässt.
Was als uraltes Ritual begann – als Versuch, den Kreislauf von Leben und Tod zu begreifen – ist heute oft eine Konsum-Inszenierung mit Rabattcode.

Aber: Wir müssen nicht mitmachen.
Niemand zwingt uns, jedes Jahr neue Deko zu kaufen oder den Vorgarten in ein Horrorfilm-Set zu verwandeln.
Man kann Halloween feiern – mit Bewusstsein, Kreativität und vielleicht sogar einem selbstgeschnitzten Kürbis statt Plastik aus Fernost.

Fazit – Zwischen Nebelmaschine und Nachdenklichkeit

Halloween ist ein Chamäleon:
ein altes Ritual in moderner Verpackung,
ein Spiegel unserer Zeit – irgendwo zwischen Mythos und Marketing.

Und vielleicht ist genau das der Punkt:
Wir dürfen uns gruseln, lachen, feiern – aber wir dürfen auch hinterfragen.
Nicht alles, was blinkt, muss gekauft werden.
Nicht jeder Trend verdient einen Platz in unserem Kalender.

Feiere, wenn du willst.
Aber feiere bewusst.
Mit Kerze statt Kette, mit Kürbis statt Plastik –
und mit dem Wissen, dass nicht jeder Geist aus Amerika kommen muss, um uns zu erschrecken.

Ein bisschen Geschichte, ein bisschen Ironie – und ein kleiner Appell an das gesunde Maß:
Denn echter Grusel kommt nicht aus der Fabrik, sondern aus der Fantasie.

Mein persönliches Fazit – Zurück zur Fantasie

Für mich ist Halloween letztlich ein Fest für die Fantasie.
Eine Gelegenheit, etwas zu erschaffen – mit den Händen, mit Ideen, mit Freude.
Wenn Kinder basteln, Kürbisse schnitzen, oder Erwachsene sich kreativ austoben (ja, auch Basten ist ausdrücklich erlaubt 😉), dann entsteht etwas, das in keinem Online-Shop zu kaufen ist: gemeinsame Zeit ohne Bildschirm.

Kein Smartphone, kein Tablet, kein ständiges Scrollen – nur ein bisschen Kleber, Papier, Licht und Lachen.
Und vielleicht ist genau das der wahre Zauber dieses Festes:
Nicht der Grusel, nicht der Kommerz, sondern der Moment, in dem Fantasie wieder wichtiger ist als WLAN.

Ein Kommentar

  1. Wunderbar geschrieben, scharfsinnig reflektiert, so, wie ich dich kenne! Viel Spaß mit deinen Lieben, gebastelt habt ihr ja schon!
    Ich lasse es ruhig angehen…, Erinnerung und das Leben feiern, so, wie die Mexikaner es tun 🙋🏻‍♀️

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